Leseprobe Der Saisonkoch Wintersaison 3.Monat

Natürlich wird von einem Gastarbeiter, jedes Land mit dem eigenen- verglichen. Die meisten Gastarbeiter unserer Generation vergleichen dabei nicht nur das Land, sondern auch die beiden Systeme, Kapitalismus – Sozialismus. Und der Vergleich ist ein Vergleich aus der Sicht des Arbeiters und Bauern. Im Kapitalismus dürfen wir noch ein Phänomen beobachten, das bereits im Manifest beschrieben wurde. Die Zunahme der Zahl der Proletarier. In den Reihen der Saisonarbeiter finden wir unter Anderem, ehemalige Selbstständige, Freiberufler, Handwerker, Bauern, Ingenieure, Lehrer. Das sind jene gesellschaftliche Schichten, die im Kapitalismus gern als Mittelschicht beschrieben werden. Mit dieser Arbeit fallen sie blitzartig in den Stand der Proletarier. Proletarier sind jene gesellschaftliche Schichten, die außer ihrer Arbeitskraft, kein nennenswertes Eigentum besitzen, das sie verkaufen können.

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Joana hat mir den Wecker für heute gestellt. Ich muss sehr zeitig raus; noch vor Joana. Heute erwarte ich große Staus und schwerste Behinderungen. Montags rücken auch unsere Baufirmen aus. Nicht alle Behinderungen werden auf der Verkehrsmeldezentrale eingegeben.

Die Kaffeemaschine habe ich abends noch befüllt. Die schalte ich nur ein. Während ich im Bad bin, steht auch Joana auf. Sie lässt mir heute den Vortritt. Ich kann mich nicht recht erinnern, wann ich das letzte Mal vor Joana aufgestanden bin. Das kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

In der DDR sind wir zwar gleichberechtigt erzogen worden, aber auch da war es Gang und Gäbe, als Mann vor seiner Frau aufzustehen. Der Herr Siegfried Schnabl, der unweit unseres Wohnortes geboren wurde, war praktisch unser Universallehrer in Sachen Familie und Gleichberechtigung. In der DDR bedurfte es seitens der Sexualforscher keiner Experimentier‘freud‘igkeit, wie im Westen. Ganz einfach deswegen, weil wir nicht kirchlich verklemmt und fehlgeleitet wurden. So nach der Devise: Die Reichen dürfen Alles, die Armen müssen beichten. Jugendliche Fehlgriffe mussten in der DDR nicht ein Leben lang bereut oder gar mittels Darlehen und abenteuerlichen Abtreibungen beseitigt werden. Unsere Frauen waren selbstbewusst, schön, sportlich, klug und fleißig. Also genau das Gegenteil des heutigen Striches, auf dem ein möglichst reicher Trottel gefangen werden muss. Kinder werden so schon frühzeitig zur Handelsware oder zum Erpressungsgrund. Sprich, zum ungeliebten Bindeglied einer Zweckgemeinschaft. In solchen Verhältnissen können keine normalen Menschen aufwachsen. Das ist und war einem DDR Bürger klar.

Marlies und unsere Kollegen kann ich heute natürlich nicht begrüßen. Dafür bin ich aber sehr zeitig mit meinem Dienst fertig. Der kleine Ausflug ins Ultental, wird hoffentlich nicht zu lange dauern. Unser gestriger Ausflug braucht schließlich noch etwas Nachbereitung. Ich möchte unbedingt die Reaktion Marcos genießen. Wir haben auch kleinere Mitbringsel für Joanas Kolleginnen, Alfred und Marlies mitgebracht. Marco hat gestern schon angedeutet, er möchte uns einen großen Panettone backen. Marco hat es drauf, den Panettone fast so zu backen, wie wir in Sachsen den Stollen. Er bestreicht den genau so.

Sein Panettone saugt sich so mit der Almbutter voll, dass der Genuss nur einer Scheibe davon, zu einem glänzenden Bauchnabel führt. Und das ist doch wohl Sinn und Zweck der zu christlichen Fastenzeit. So tun als ob. Und das mit Genuss.

Der Kaffee ist abgefüllt und ich kann mich auf den Weg machen.