Begraben im Weiher

Marco hat inzwischen wieder Kontakt nach Hronec. Er möchte Genaueres über der Familie erfahren. Das Email, das von dort eintraf, war schon fast in Aktenstärke. Marco hat es Monika geschickt. Monika ist etwas überfordert. Die Akten sind in Slowakisch. Einen Dolmetscher von den hier Beschäftigten, braucht sie sich nicht organisieren. Die würden eher die Hälfte übersetzen oder lügen. Wer verrät schon gern seine abhängig beschäftigten Landsleute. Per Email bittet Sie die Beamten dort, nur das Wichtigste der Dokumente zu übersetzen.

„Morgen erhalten Sie die Übersetzung“, kommt umgehend als Antwort in bestechendem Deutsch.

Trotzdem kann Monika schon mal die Busgelder zusammenrechnen. Und das ist schon eine beneidenswerte Summe. Dagegen wirkt der Brennerübergang wie eine Filiale. Monika sieht die Forderung der Familie von Ema als berechtigt an. Ob jetzt deshalb Iva von der Familie ermordet wurde, findet Monika nicht unbedingt. Die Ämter wissen ja Bescheid. Es gibt Nichts zu verbergen. Es sei denn, Rauschgift wäre im Spiel. Aber das durch mehrere Europäische Grenzen zu bringen, ist schon ein Risiko. Trotzdem es so scheint, die Grenzen wären unbewacht. Die Kontrollen sind lediglich auf die Binnenstraßen verlagert worden. Und das sind mehr Kontrollen als vorher an den Grenzen.

Gelegentlich übersetzt Monika die Dokumente maschinell. Sie findet heraus, Henrich wird vermisst. Er wird als obdachlos geführt. Per Email stellt sie dem dortigen Amt die Frage nach Henrich. Die gleiche Frage stellt sie Marco zu. Der soll die Familie von Ema fragen, ob die Etwas wissen.

Die Antwort kommt prompt. Henrich ist Ema sehr wohl bekannt. Er wollte Ema oder Iva immerhin heiraten. Ema scherzt, er hätte auch gern uns Zwei geheiratet. Dafür wäre er auch zur Not zum Mormonen geworden.

Für Monika verdichtet sich der Pornoverdacht. Offensichtlich hat die Nachbarfamilie davon Wind bekommen. Vielleicht sind sie sogar involviert?

Als Händler und Vermarkter?

In den Unterlagen ist auch von Menschenschmuggel die Rede. Das muss Monika genauer heraus bekommen. Sie richtet deswegen eine extra Anfrage an das Amt in Hronec.

Es treffen neue Unterlagen ein. Die sind fast so umfangreich wie die ersten. Nach der maschinellen Übersetzung liest Monika Etwas von Mario und Evelina. Sie schüttelt mit dem Kopf. Hoffentlich haben die Bozner, die Zwei noch nicht laufen lassen. Marco bestätigt, die sitzen noch. Drei Anwälte wären da.

„In dem Gewerbe scheint man gut zu verdienen“, spottet Marco.

„Bei drei Anwälten.“

Leseprobe – Die Saisonpause

Schon bei der Überquerung des Brenner, werden wir von einer Straßensperre überrascht. In keiner Meldung war davon die Rede. Nicht mal im Verkehrsfunk. Ein Lastwagen hat die Leitplanken zerrissen. Wir verlieren die erste Stunde. Eigentlich könnten wir uns dort gleich ein paar Mitbringsel sichern. Die lagen gut verstreut auf der gesamten Autobahn. Im Lichtkegel sehen wir Kartons mit Fleischbeschriftungen.

„Gutes Roastbeef“, sage ich zu Joana. „Mach die Tür auf und schnappt uns so einen Karton.“

Ich fahre extra langsam an die Stelle. Das Auto setze ich so, um Joana zu ermöglichen, einen Karton durch die Beifahrertür zu greifen. Wir werden überrascht dabei. Ein freundlicher Polizist war schneller an der Beifahrertür.

„Neugierig?“, fragt er.

„Ich bin Koch. Ich weiß, was da drinnen ist.“

„Und sie wollten das jetzt mitnehmen?“

„Wenn sie mich lassen. Wir möchten unsere Familie besuchen. Das wäre ein passendes Geschenk.“

Der Gendarm schaut weg, geht ein paar Schritte vor und winkt mit seiner Kelle, wir sollen fahren. Joana ist sich nicht ganz sicher und ich auch nicht, ob wir uns nicht doch einen Karton greifen.

„Schade“, sage ich zu ihr. „Eigentlich hat er weg geschaut.“

Wir trauen uns nicht. Die Familie muss sich mit unseren Südtiroler Gaben begnügen.

Kurz danach dürfen wir schon die gesegnete

Reisefreiheit genießen. An den Brücken über der Autobahn steht wieder der IGL. Zuerst fällt diesen Leuten ein, jegliches Lager in ein Einkaufszentrum zu verwandeln. Und danach, verschieben sie die Lager, umweltschonend, auf die Straße. Dann erklären sie den Autofahrer zum Feind der Umwelt. Wohl wissend, dass sie die Feinde der Umwelt sind.

Wir passieren zwei Streifen. In der Nacht. Die Gendarmen unserer Österreichischen Nachbarn sind recht fleißig. Die Geschwindigkeit des Verkehrs bewegt sich an der äußersten Grenze des Erlaubten. Einhundert und Zehn Stundenkilometer. Wir schauen dem Tod direkt in die Augen. Ein Kilometer schneller und es blitzt an allen Ecken. Bei der Geschwindigkeit wird der Fahrer eher vom Schlaf überrascht als vom Verkehr.

Kaum sind wir an Kufstein vorbei, verwandelt sich die Autobahn in eine Rennstrecke. Jeder Fahrer möchte dem anderen beweisen, was er sich für ein PS-Monster zugelegt hat. Türgriff an Türgriff geht es im Doppel an die Grenze des Machbaren. Normal Fahrende werden zur Gefahr erklärt und Vorsichtige, zu Idioten. Kurz nach der Wende haben wir uns von diesem Theater anstecken lassen. Aber nur kurz. Dann hat das Gehirn gewonnen. Oder soll ich sagen, die leere Brieftasche? Selbst in der Nacht ist um München die Hölle los. Dort herrscht ein Lastverkehr, der jeglichen Umweltgedanken in einen Witz verwandelt. Auf der dreispurigen Autobahn sind zwei Spuren komplett mit Lastwagen gefüllt. Wir befinden uns nicht selten zwischen diesen Geschossen. Deren Fahrstil überzeugt mich von ihrer Übermüdung. Joana verkrampft sich teilweise. Neben ihr drehen sich Riesenräder, die unentwegt Streugut an unser Auto schleudern. Ab Nürnberg wird es etwas ruhiger.