Sommersaison – Frühjahr

Unsere Küche liegt im Keller. Eine Etage tiefer als das Erdgeschoss. Eigentlich ist das günstig. Man muss nur die Fenster öffnen zum Entlüften. Die Lage hat aber auch einige Nachteile. Kalte Luft fällt nach Unten und drückt die warme, auch die feuchte, nach Oben. An der Decke der Küche ist das Ergebnis zu sehen. Die Decke droht stellenweise herab zu fallen. Gasbetrieb und der wirklich heiße Betrieb von Ölöfen wird den Zerfall der Decke noch beschleunigen.

Der Nachteil dieser Lage ist aber auch anderweitig spürbar. Der Sauerstoff, den das Gas und der Ölofen verbrennt, kommt nicht in dem Maße zur Küche, wie man es tatsächlich benötigt. Die Luft wird dünn. Abhilfe soll nun die Öffnung der Kellertür bringen. Aber genau das, stört wieder die Empfindlichen. Zugluft. Stelle ich jetzt noch die Lüftung ein, kann ich schon von einer Knappheit an Sauerstoff reden. Und die ist selbst für eine noch brennende Gasflamme gefährlich. Das Gas geht einfach aus. Wenn ein großer Topf darauf steht, sieht das der Koch nicht. Die Piezozündung soll für gewöhnlich eine unkontrollierte Entzündung der Brennstelle verhindern. Wir würden das als Explosion bezeichnen. Im geringsten Fall als Verpuffung. Unter den Töpfen herrscht aber eine Temperatur, die sich auch auf die Brennköpfe der Gaszufuhr auswirken. Die werden samt dem Bimetall so heiß, dass sich das Gas sofort wieder entzünden kann. Zwei Mal durfte ich das Phänomen beobachten. Ich bekomme langsam ein gemischtes Gefühl bei der Verwendung von diesen Brennstellen. Die Induktion ist mir da bedeutend lieber. Leider ist aber unser Maximalverbrauch begrenzt. Ich versuche schon lange, heraus zu bekommen, ob die Energie des Hauses mit einer Software reguliert wird. Spätestens dann, wenn die Sauna ihren Dienst beginnt, bricht mir das Netz zusammen. Ich stehe dann im Dunkeln. Und das ist besonders gefährlich für mich. Genau aus dem Grund, versuche ich, sämtliche Speisen vor der Ausgabe fertig zu haben. Das ist zwar nicht frisch im Sinne von ganz frisch. Aber es ist die einzige Möglichkeit, unsere Gäste qualitativ hochwertig zu versorgen. Ich nehme Abstand von Hauptgerichten, die zu viel Energie benötigen. Unsere Fritteusen werden mit Gas betrieben. Zum Glück. Das hat aber auch Nachteile. Ziemlich gefährliche dazu. Gasheizungen benötigen einen Austritt. Sozusagen, einen Auspuff wie am Auto. Und dieser Austritt wird ungeheuer heiß. Verbrennungen sind dabei an der Tagesordnung. Und nicht nur das. Die heiße Luft verdrängt zusätzlich Sauerstoff. Der Koch bekommt schnell Kopfschmerzen. Genau aus diesem Grund, hasse ich Gasküchen. Stehe ich in so einer Küche über zehn Stunden am Tag in Sechs – Tage – Woche, sind massive Gesundheitsschäden sicher das kleinste Übel.

Das größte Übel sind Zustände, die das nicht anerkennen. Mit der Anerkennung des Übels, würden auch Maßnahmen ergriffen, das abzustellen. Und genau das findet eben im Kapitalismus nicht statt. Auch nicht in Südtirol. Und das, trotz der Anwesenheit von sogenannten Institutionen, die das überwachen sollen. Angestellte können das nicht anzeigen. Das können nur Fachleute sehen und auswerten. Die Institute sind damit für die Katz. Sie sind ganz sicher nicht für die Köche gedacht. Jeder halbwegs ausgebildete Klempner sieht den Missstand auf der technischen Zeichnung des Gebäudes samt Einrichtung. Den Bürokräften fehlt es an Praxis.

Mein Mittagstisch für die Kollegen ist fertig. Ich habe teilweise Überschüsse vom Abendmenü mit verarbeitet. Die Mama kommt in die Küche und holt sich ihr Essen. Die Familie isst im Gastraum Die Kollegen haben ein Extrazimmer. Es herrscht Rauchverbot. Ich muss durch den Keller auf die Straße schleichen. Die Rauchpause lege ich oft mit Tätigkeiten zusammen, die mich in die Nähe einer Tür nach Außen bringen. Rauchen, Sonnenlicht und frische Luft in einem Atemzug. Das Alles ist knapp in einer Küche. Wir werden das später mit lockeren Zähnen, Hautausschlag und kaputten Lungen bezahlen. Das ist dann der Mehrwert, den der Koch bekommt. Natürlich unvergütet.

Nach dem Mittag verschwinde ich so schnell es geht. Aamit bietet mir an, die Küche zu reinigen. Er möchte die Küche wieder wischen. Den Abzieher, den ich beim letzten Mal organisiert habe, nutzt Aamit nicht. Mir ist das langsam egal.

Kurz vor der Mittagspause kommt die Kollegin. Eine junge Frau. Sie geht recht robust an den Ölofen und wirft ihn an. Es stinkt im Haus wie an einer Tankstelle.

Der Zeitpunkt meines schnellen Verschwindens ist gut gewählt.

„Bis dann“, rufe ich zu den Zweien.

Im Flur meines Zimmers ist schon wieder recht lautes Stöhnen zu vernehmen. Ich glaube, ein Quieken mit zu hören. Auf alle Fälle sind es mehr als zwei Personen. Meine Tür ist noch nicht ganz geschlossen, höre ich das Öffnen der Tür des Zimmers, aus dem die Geräusche kamen. Meine Neugier überwältigt mich. Jetzt bediene ich mich einer Gewohnheit unser leider verstorbenen Nachbarin – Paula. Ich spioniere kurz durch den Türspalt, was da vor sich geht. Auf dem Flur steht eine junge Frau mit einem Zelt im Morgenmantel. Das Zelt erinnert mich an die Mumoprala in meiner Turnhose nach dem Aufstehen. Mutters Morgenprachtlatte ist die Abkürzung von Mumoprala. Wir entschuldigten uns mit dem Argument in der DDR, wenn wir zu spät auf Arbeit kamen. Heute würden wir diese Entschuldigung mit der Hälfte unseres Lohnes bezahlen. Selbst das scheint verboten zu sein für Saisonarbeiter.

Sommersaison – Frühjahr

Irgendwie spüre ich, er beobachtet mich.

Die Heimfahrt dauert nicht zu lange. Ich bin selbst überrascht. Um diese Zeit kann ich auch etwas schneller fahren. Bis auf die orangefarbenen Kästen.

In der Stadt ist noch relativ viel Verkehr. Vor allem, in Richtung Süden.

Joana erwartet mich schlafend. Sie hat mir belegte Brote gerichtet. Wir reden wie immer von der Arbeit. Ein anderes Thema gibt es aktuell nicht bei uns. Sie hat mir Telefonnummern aufgeschrieben, bei denen ich anrufen soll. Nur, wann treffe ich die? Ich müsste ja von Arbeit aus anrufen. Das ist mir schon etwas peinlich wegen der Mithörer. Vielleicht gelingt es mir vor der Tür oder auf dem Parkplatz. Im Zimmer zur Zimmerstunde könnte ich anrufen. Die Nummern nehme ich alle mit. Es sind wieder Handynummern dabei. Keine Namen. Wie soll ich mich bei Jemandem vorstellen, dessen Name ich nicht kenne? Etwas Recherche muss man auch dem Koch zu gestehen.

Arbeit bei Unbekannt. Wer zahlt mir den Lohn? Der Koch macht sich schon auch Notizen, wo ein Schrotthaufen als Küche steht und wo die Arbeit recht angenehm ist. Entscheidend ist wohl eher die Familie und der Arbeitgeber selbst.

Die Nacht geht wieder recht schnell vorüber. Ich stehe zusammen mit Joana auf. Vier Uhr. Fünf Stunden dauerte die Nachtruhe. Ohne Mittagsruhe, wäre ich schon am dritten Tag restlos übermüdet.

Beim Kaffee schaue ich schnell nach, ob ich die Nummern in der Suchmaschine finde. Und siehe da. es gibt sie. Alte Bekannte sind dabei. Bei denen muss ich nicht anrufen. Es sei denn, die haben endlich mal ihre Küche gebaut und den Dreckstall gereinigt. Mein Dreckstall ist es nicht.

Gut vorbereitet, fahre ich zum Dienst. Die Fahrt dauert knapp dreißig Minuten. Auf der Heimfahrt muss ich tanken. Bei dieser Arbeitsstelle muss ich alle fünf Tage tanken. Eigentlich wäre das erträglich. Eine Tankfüllung kostet mich zur Zeit fast dreißig Euro. Demnach benötige ich pro Monat ein Hundert und achtzig Euro. Nur für den Tank. Das fehlt uns natürlich im Kühlschrank. Zum Glück bin ich Koch. Mit etwas mehr Hunger, wird eben etwas mehr probiert. Gastronomen müssten eigentlich ein Interesse an einem hohen Einkauf haben. Sofern es sich um Lebensmittel, Getränke und Küchenausrüstung handelt. Auf erbrachte Leistungen, müssen die nur zehn Prozent Mehrwertsteuer bezahlten. Das ist eine versteckte Subvention. Ich kann nicht verstehen, warum sie gerade dort sparen möchten. Eigentlich müssen sie diese Ausgaben nur gut verteilt einsetzen.

Wie gewohnt, schleiche ich mich wieder ins Haus. Auf meiner Etage höre ich Stöhnen. Ausgerechnet aus dem Damenzimmer. Ich denke gerade an eine Schwarzübernachtung. Auf dem Zimmer geht mir der Ausspruch des Wirtes bei Frenzy von Alfred Hitchcock durch den Kopf. Der Beschäler übernachtet kostenlos.

Ich dusche und lege mich zur Restnachtruhe noch etwas hin. Mit dem Handy wecke ich auf. Das kleine Ding hilft mir schon, Gepäck zu sparen.

Aamit erwartet mich schon.

„Du bist aber zeitig hier heute.“

„Die Seniorchefin macht das Frühstück.“

„Und da musst du natürlich mit da sein?“

„Das ist immer so.“

Die Seniorchefin kommt in die Küche. Sie stellt sich mit Rosa vor. Ihren Namen kannte ich schon.

„Ich wollte ihnen mal zeigen, wie hier das Frühstück geht.“

„Ich habe es ja gestern und auch früher schon gemacht hier. Hat sich Etwas verändert?“

„Jetzt erkenne ich dich. Karl!“

Ich frage mich, wieso sie mich jetzt erst erkennt. Ich war doch erst vor Kurzem hier. Sie hat doch bei mir Mittag gegessen und ihr Frühstück abgeholt. Sie wird doch nicht etwa der Chef eines Kalksteinbruches sein?

Brille hat sie jedenfalls keine auf. Vielleicht spart sie daran. Wegen der Schönheit. Einen Rest davon, kann ich erkennen. Sie muss mal ziemlich schön gewesen sein. Jetzt zieht sie etwas das Bein nach. Mit ihrer Hüfte scheint auch Etwas nicht zu stimmen. Sie hat eine geknickte Haltung.

„Na dann; da muss ich mich auch nicht kümmern.“

Irgendwie bemerke ich eine Art innere Freude bei Aamit. Erleichterung wäre wohl der passende Ausdruck.

Aamit wohnt im Ort. Tourismus schafft nicht nur Arbeitsplätze. Er schafft auch Wohnraumnachfrage durch die Arbeiter. Und davon lebt es sich auch gut. Vielleicht sogar bequemer als vom Tourismus.

Sommersaison – Frühjahr

Es ist zehn Uhr. Konrad hat nicht angerufen. Ich schaue gelegentlich mal vor die Tür. Nichts. Wie scheint, kann ich allein eine Giro drehen. Mir ist nicht danach. Ich bin müde.

Ich rufe die Nummer von Konrad. Es dauert eine Ewigkeit bis ich verbunden bin. Er hat das Roaming über Deutschland aktiviert. Wenn er zwei Mal pro Jahr in Italien ist, würde ich mir doch eine Italienische Nummer beschaffen. Konrad nicht. Das scheint seinen Grund zu haben.

Konrad geht ran. Er klingt nicht gut.

„Ich mache heute frei“, antwortet er auf meine Frage.

Ich schätze Cherno hat ihn gut bewirtet. Oder, seine Knochen schmerzen noch von unserer Ausfahrt. Konrad ist in meinem Alter.

„Also, bis morgen.“

Konrad legt verdächtig schnell auf. Er scheint besoffen zu sein.

Mir bleibt nichts übrig, als ins Zimmer zu gehen.

Im Fernsehen kommen drei Programme. Zwei verstehe ich. Eins nicht. Es ist italienisch.

Ich bekomme umgehend bewiesen, mit dem Eintreiben von Zwangsgebühren, muss man sich nicht mehr um die Qualität seines Programms bemühen. Westfernsehen war früher zu DDR Zeiten schon ein Graus. Es gab nur wenige Sendungen, die uns gefielen. Deren Hauptaugenmerk lag auf Propaganda gegen Kommunisten und die DDR. Nach deren Fernsehen wurde ich oft von etwas Unsicherheit befallen. Ich bezweifelte den Selbstmord von Goebbels und den Mord an seinen Kindern durch ihn. Bei den Nachrichten. Ich bin der festen Überzeugung, einige Kinder könnten es geschafft haben, zu überleben. Die außerehelichen Kinder vielleicht.

In Südtirol gibt es deswegen Ungemach. Die Medien sind alle in einer Hand. In der Hand einer Familie. Es fehlt nur das Wahrheitsministerium. Das konnten meine Gastgeber bis jetzt verhindern. Obwohl die Kirche da einen gewaltigen Bonus inne hat. Arme Leute sind den Kirchen liebste Schäfchen.

Kaum bin ich etwas eingeschlafen, wecken mich Frauenstimmen auf dem Flur. Ich schaue auf die Uhr. Eigentlich kann ich gleich auf bleiben. Ich dachte, die Zimmermädchen sind fertig. Aber die wären zu laut.

Mir scheint, ich höre einen Schweizer Dialekt. Typisch Alpenländer. Leise ist dort ein Fremdwort. Still ist man dort nur, wenn Fremde mithören.

Ich schaue durch die Tür. Junge Frauen huschen über den Flur. In luftigen Bademänteln. Leicht bekleidet. Bei Einer habe ich den Eindruck, dort wo wir Mehr oder Weniger haben, auch Etwas zu sehen. Viel. Ich wäre schon dankbar, ähnlich gesegnet zu sein. Aber den Segen an einer Frau bewundern zu dürfen, bringt mich etwas in Zweifel.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich zum Dienst. Sonja erwartet mich. Sie hat mir tatsächlich eine Induktionsplatte besorgt. Ich könnte die Frau heiraten vor Freude. Sonja wäre noch zu haben. Aber zwei liebe Frauen? Das ist für einen Koch, der nie da ist, eindeutig zu viel. Ich verwerfe den Gedanken schnell.

Sonja hat sich besonders her gerichtet. Sie öffnet abends eine Bar für ihre Hausgäste. Und dafür hat sie sich entzücklich hergerichtet. Südtiroler Frauen. Es könnte sich der Eindruck entwickeln, Sonja sucht einen Mann. Den Eindruck bekomme ich ziemlich oft in Südtiroler Hotels. Alle Frauen suchen hier irgendwie.

Vom Abendgeschäft bin ich positiv überrascht. Unsere Gäste kommen alle ziemlich zusammen. In knapp zwei Stunden ist meine Ausgabe beendet.

„Du musst noch die Frühstücksplatten schneiden“, sagt mir Aamit.

„Ich bin doch zum Frühstück da“, antworte ich ihm.

Jetzt weiß ich, Oma hat sich die Platten vom Koch schneiden und legen lassen.

Nach der Küchenreinigung gehe ich sofort auf mein Zimmer zum Umziehen. Ich möchte nun doch zu Joana fahren. Es ist trocken. Nichts bremst mich. Beim Umziehen höre ich wieder das Lachen von Frauen. Es hört sich etwas süffisant an. Eine Party.

Mein Motorrad ist von beiden Seiten so eng eingezwängt, dass ich kaum aufsteigen kann. Steht das Motorrad gerade, berühre ich schon fast den Spiegel des Autos auf der rechten Seite. So parken nur Dummköpfe, geht mir durch den Kopf. Vielleicht ist es auch Vorsatz? Ich schaue mir die Nummer an. Volltreffer. Das Großmaul von gestern Nachmittag.

Ich muss mich also nicht besonders in Acht nehmen. Ein paar Kratzer tun dem gut. Wenn er es unbedingt möchte. Den Spiegel treffe ich mit meinem gepolsterten Ellenbogen.

‚Geschieht ihm recht‘, denke ich mir.

Wer nicht parken kann, muss leiden.

Sommersaison – Frühjahr

Bis zum kommenden Morgen musste ich schnell schlafen. Die Nacht ist vier Uhr vorbei. Eine Stunde brauche ich zum Aufwecken. Als Motorradfahrer muss ich ja für die Träumer im Auto mitdenken. Verschlafen geht das nicht. Gerade am Morgen ist die Gefahr am größten. Deswegen fahre ich gegen fünf Uhr. Ich lege mich im Zimmer noch einmal hin.

Joana geht zusammen mit mir aus dem Haus. Sie muss vor dem ersten Gast, das Foyer und die Toiletten sauber haben. Bereits der erste Gast, wird diesen Zustand sichtbar ändern. Mindestens einmal pro Woche ist die frisch gereinigte Toilette bis Oben voll geschissen. Nicht selten auch die Fließen um die Toilette. Offensichtlich wollen selbst diese Schweine, die Ersten sein und eine blitzsaubere Toilette mit ihren Marken versehen. In den vielen Jahren meiner gastronomischen Tätigkeit bin ich zu der Einsicht gekommen, in der Gastronomie besonders viele Dreckfinken getroffen zu haben. Gastronomie scheint deren Treffpunkt zu sein. Auch die Hotels. Wir müssen das natürlich besonders desinfizieren und reinigen. Wir schlagen die Dreckfinken mit ihren eigenen Waffen. Leider wird der Schaden, den sie uns damit zufügen, nirgends vergütet. Desinfektionsmittel sind keine Heilmittel. Im Gegenteil. Sie zerstören die körpereigene Immunität.

Die Fahrt ins Eggental beginnt für mich auf der MEBO.

Die Schnellstraße zwischen Meran und Bozen wirkt um diese Zeit wie ausgestorben. Ich treffe nur Nachtwächter und Bäcker. Vielleicht auch ein paar Frühstücksköche und Bedienungen. Diese Arbeit wird meist von Frauen ausgeübt. Die können Auto und Scooter fahren. Bürokräfte wecken den ganzen Tag nicht auf. Deren Verkehr ist bedeutend gefährlicher für Zweiradfahrer.

Das Haus ist dunkel. Ich muss mit dem eigenen Schlüssel hinein schleichen. Auch ins Zimmer. Das ist wenigstens warm genug. In den Nördertälern ist es im Juni noch empfindlich kalt. Wir haben keine zehn Grad. Nörderseiten sind die Seiten der Berge, die wenig bis keine Sonne abbekommen. Die zeichnen sich durch lang anhaltende Feuchtigkeit aus. Für Zweiradfahrer ist das ein Alptraum. Die Straßen wirken glitschig. Jedes Pflanzenteil wird zu einer Art – Ölspur. In der Nacht kommen noch eine Unmenge Steinschläge dazu. Die meisten sind scheinbar klein und unbedeutend. Für Autofahrer. Die Steinschläge sind verantwortlich dafür, dass wir umsonst arbeiten. Unser Lohn landet dann in der Werkstatt. Mit dem Zweirad gelingt es mir aber, diese Schäden zu vermeiden. Ein Zweirad lässt sich besser durch die Gefahrenquellen steuern.

Die Küche ist kalt. Ich suche die Schalter. Das Handy ist meine Taschenlampe. Die scheinbar kleinen Erfindungen machen mir den Tag wirklich leichter.

Ich möchte jetzt nicht schildern, wie um diese Zeit kalte Küchen riechen. Ihnen würde nachhaltig der Appetit vergehen. Und genau dieser Effekt wirkt auch bei einem Koch. Nicht bei allen. Jene, die etwas später kommen, werden von diesem Geruch verschont. Die werden schon mit Kaffeeduft und dem Geruch von gebratenem Speck empfangen.

Ich setze gleich eine Bagno Maria an. In der koche ich die Brühe. Hauptsache, ich muss den Ölofen nicht anschalten. Dieselgeruch am frühen Morgen würden mir die Eingeweide umdrehen. Ich könnte kein Essen abschmecken. Die glühenden Platten des Herdes würden die Raumtemperatur unerträglich machen.

Es ist neun Uhr. Ich warte auf einen Anruf. Das Handy habe ich extra an das Fenster gelegt. In der Küche geht es nicht. Die Metalleinrichtung scheint das Signal wirkungsvoll zu neutralisieren. Vielleicht ist es auch die ausgezeichnete Kellerlage unserer Küche.

Aamit, meine Küchenhilfe kommt. Eigentlich kommt er etwas später. Er fängt mit dem Abspülen an. Sonja hat ihn für den ersten Tag etwas zeitiger bestellt. Er grüßt mich freundlich. Wir kennen und von meinen früheren Einsätzen hier.

„Bist du wieder mal bei uns?“

„Ich hoffe, nur kurz.“

„Das wird sicher ein kurzer Einsatz.“

„Du weißt mehr als ich?“

„Jaja.“

„Gut. Dann werden wir mal Etwas kochen.“

„Wir haben jetzt eine Köchin.“

„Aha. Das Kind ist krank.“

„Wer macht sonst das Frühstück?“

„Die Oma.“

„Also vertrete ich jetzt die Oma und die Köchin.“

„Ja. Wie immer.“

„Ist das Haus voll?“

„Voller. Auch drüben die Wohnung.“

„Sonst noch Etwas?“

„Nein.“

Aamit weiß mehr. Er lacht. Ich muss mich überraschen lassen.

Sommersaison Frühjahr

Joana ist nicht begeistert, als ich ihr das telefonisch mitteile. Konrad wartet im Imbiss der Tankstelle. Wie vermutet, isst er das dritte Stück Strudel. Der ist leider mit Blätterteig hergestellt. An der Unterseite sieht er etwas schliff aus. Blätterteig ist für Strudel ungeeignet. So lange das Jemand frisst, backen wir ihn eben so.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.“

„Du musst arbeiten?“

„Ja.“

„Und die gute Nachricht?“

„Ich habe Arbeit. Und. Ich kann nach dem Frühstück eine Giro mit dir drehen.“

„Was heißt nach dem Frühstück?“

„Ja, wenn meine Küchenhilfe die Spätaufsteher mit bedient, dann können wir bereits neun Uhr los drehen.“

„Wann musst du zurück sein?“

„Ich mache die Menüs passend. Vier Uhr reicht.“

„Gut. Fahren wir.“

Ich begleite Konrad bis zu seinem Hotel. Federica und Cherno grüßen freundlich. Cherno kommt gleich mit einem doppelten Kaffee.

„Ich muss ab morgen arbeiten. Wecke Konrad bitte so, dass er um Neun bei mir im Eggental ist.“

Wieso muss ich die Touren organisieren. Ich bin auf Arbeit und meine Begleiter haben Urlaub. Ich verstehe manchmal die Welt nicht. Oder verstehe ich sie falsch?

„Da müsste Konrad ja um Sieben wach und nüchtern sein. Da habe ich meine Zweifel.“

„Versuch es. Meine Nummer hast du. Ruf mich an, wenn er los fährt.“

„Ich werde dich anrufen, wenn ich ihn nicht wach bekomme.“

„Das ist vielleicht die beste Lösung.“

Das Gespräch der Kindermädchen ist beendet. Ich trinke den Kaffee und darf mich endlich mal wieder meiner Frau zeigen.

Den Gampen runter steht ein Riesenstau vor einer Ampel. Wir ziehen wieder Mal sechs Meter Fünfzig frischen Belag auf. Jeden Tag sechs Meter und wir haben jeden Tag Stau. Zum Glück kann ich bis an die Ampel fahren. Wie immer, stehen in der Reihe auch Neidhammel. Einer lässt die Scheibe runter und belegt mich. Er hat ein Handy in der Hand und sucht wahrscheinlich eine Umleitung.

„Neben dem Stau fahren ist verboten.“

„Es ist verboten, während der Fahrt am Handy zu spielen“, antworte ich ihm.

„Wir fahren nicht.“

„Wenn sie vor einer Ampel stehen, fahren sie.“

Was soll ich dem Trampel noch sagen. Stehender Verkehr ist Verkehr in Bereitschaft. Und mit dem Handy vorm Gesicht, ist der schon mal nicht bereit.

Für einen Motorradfahrer ist es nun mal besser, vorn an der Ampel zu stehen. Ehe sich die Handygaffer wieder im Verkehr zurecht finden, ist die Ampel eh wieder auf Rot.

Sommersaison Frühjahr

Eggental habe ich gewählt, weil ich gern in Welschnofen am Bergglück vorbei fahren wollte. Die haben mich angerufen. Konrad habe ich das nicht gesagt. Ich will ihn nicht unnötig belasten.

„Kannst du mal an der Tankstelle einen Kaffee trinken?“

„Ich trinke keinen Kaffee.“

„Ich bezahle ihn dir.“

„Na dann, nehme ich einen.“

„Ich muss schnell bei Sonja im Bergglück vorbei. Sie hat mich angerufen.“

„Kann ich da nicht mitfahren?“

„Nein. Sonja hat kein Restaurant um diese Zeit.“

Ich kann Konrad unmöglich die Küche von Sonja zeigen. Das wäre eine Blamage für ganz Südtirol. Konrad würde schon gern neugierig sein. Das spüre ich sofort an seinem Benehmen. Zumal die Deutschen immer recht preiswerte Übernachtungen suchen. In dem Fall, würde ich Denen aber die intimsten Bereiches des Hotels zeigen. Dafür würde ich mich schämen. Bei Sonja bin ich mir nicht sicher. Sie kam auch recht oft mit ihren Gästen in die Küche. Unsereiner würde vor Scham in der Erde versinken.

Bei dem Gespräch mit Sonja werde ich etwas fordernd. Ich möchte nicht auf dem alten Ölofen kochen. Das stinkt fürchterlich in der Küche. Statt meine Induktionsplatte zu benutzen, soll sie sich endlich mal so ein Ding kaufen. Zwei Bagno Marias gleich mit. Darin will ich gleich mit Kochen und Dämpfen. Bei Fisch hat sich diese Methode bewährt. Zumal ich darin sowohl den Fisch, das Gemüse und auch die Beilagen kochen kann. Reis wird besonders gut darin.

Sonja zeigt sich neugierig und auch überzeugt.

„Der Koch ist wieder Mal gegangen.“

„Bei deiner Küche, kein Wunder. Ihr müsst endlich mal Etwas tun.“

„Kommende Saison.“

„Wer das glaubt, wird selig.“

Wir besprechen das noch länger und verabreden uns auf morgen. Wie bringe ich das jetzt Konrad bei? Der isst sicher schon das dritte Stück Strudel.

Auf dem Parkplatz hinter dem Hotel spricht mich ein Deutscher aus Bayern an.

„Fahren sie jetzt?“

„Ja.“

„Sie stehen auf meinem Parkplatz.“

„Ich habe keinen Namen gesehen.“

Sonja hat eine überdachte Parkfläche. Dort steht an jedem Parkplatz, Hotel Bergglück und auch einige Plätze mit ihren Nummern. Auch an den offenen Parkplätzen. Wahrscheinlich parken Deutsche Touristen überall dort, wo es nichts kostet. Im gesamten Ort. Die fahren dann lieber mit der Seilbahn oder dem Bus bis zum Rosengarten. Ich schätze, sie sparen dabei drei Euro. Keinesfalls dürfen das die Einheimischen bekommen. Wo kämen wir da hin? Zur Seilbahn ist es nur um die Ecke. Die paar Meter können die Büroschläfer auch laufen. Natürlich mit Stöcken und Wanderschuhen für vierhundert Euro.

Generell versuche ich, mit Deutschen Touristen wenig zu sprechen. Vor allem, wenn ich sehe, deren Targas sind nicht aus der DDR. Mit Besatzern spreche ich nicht. Wenn die hören – ein Ostdeutscher, dann wenden die sich ohnehin von allein ab. Wie scheint, hat das Gesindel ein schlechtes Gewissen. Mit zunehmenden Jahren der Besatzung der DDR, hat sich dieser Effekt noch verstärkt. Das lässt sich ganz sicher mit deren Benehmen gegenüber den DDR Bürgern erklären. Vielleicht schämen sie sich auch, weil wir sie ihrer Lügen überführt haben.

Mir scheint fast, der Bayer stinkt nach Alkohol. Und das als Fahrer. Geheim wünsche ich mir mehr Kontrollen bei uns.

Unser Gebrauchtwagenmarkt könnte locker noch beschlagnahmten Deutschen Schrott gebrauchen. Unsere Südtiroler lieben Deutsche Autos. Vor allem Jene, mit leichten Potenzproblemen und Minderwertigkeitskomplexen.

Irgendwie schlägt das auch auf unsere Motorradfahrer über. Wobei sich da, neben Bayrischen, auch US Schrott gut verkauft. Für eine Kaffeerunde reicht das alle Mal. Unser Land ist zum Glück nicht allzu groß. Ich stelle mir manches Mal eine Runde nach Sizilien vor. Ich müsste alle zweihundert Kilometer die Werkstatt besuchen und meine Hoden auf Eis legen.

Ihm zum Trotz, lasse ich mir natürlich Zeit. Ich ziehe langsam meine Lederjacke an. Und halt. Ich muss doch noch Mal zu Sonja.

„Muss ich das Frühstück mit kochen?“

„Das wäre mir schon recht.“

Das glaub ich gern. So wird mein Arbeitstag locker von Sieben in der Früh bis Elf in der Nach dauern.

„Mein Zimmer ist reserviert?“

„Ich habe ein anderes frei.“

„Ich muss aber nicht in den Keller zum Duschen?“

„Nein.“ Sonja lacht.

„Es ist Alles da.“

Auszug aus Der Saisonkoch-Sommersaison

In Andalo legen wir keine Pause ein. Konrad will bis zum Molvenosee. Irgendwie hat der einen Namen bei meinen Motorradfreunden.

Kaum sind wir am See angekommen, beginnt die Suche nach einem Parkplatz. Das klingt jetzt wie ein Witz. Mit dem Zweirad einen Parkplatz suchen. Die Plätze sind alle überfüllt. Wir finden nicht mal ein Plätzchen zum Pinkeln. Ich schätze, wir müssen etwas weiter in Richtung Ponte Arche fahren. Kaum haben wir den See hinter uns gelassen, bieten sich auch ein paar Möglichkeiten für die kleinen Geschäfte. Das kombinieren wir gleich mit einer Rauchpause.

„Wie willst du zurück fahren? Über Madonna, den Garda oder über das Fleimstal?“

„Du führst.“

„Ich führe? Das ist mir neu.“

Wieso brauchen die Westdeutschen unbedingt einen Führer. Können die nicht aus Spaß mit Genuss eine Runde drehen? Wenn ich mit meinen Italienischen Kollegen fahre, spielt es keine Rolle, ob ich schnell vorneweg fahren möchte oder gern trödele. Ich fahre. Meist vereinbaren wir einen Treff, an dem wir gemeinsam einen Kaffee trinken oder den Ausblick genießen. Keiner wird gehetzt.

Wir entschließen uns, den Toblinosee zu fahren. Von dort geht es nach Trento. Die Landschaft und die Luft reichen. Wir könnten sofort wieder eine Arbeit antreten. Der Erholungswert ist sehr hoch.

Mir fällt ein, Konrad den Cembrapass entlang zu führen. Es gibt keinen Widerspruch. Wir fahren den Pass. Bei einer Kaffeepause tue ich etwas, was ich sonst nie tat. Ich schaue auf das Handy. Fast wie die Leute, über die ich permanent lache, wenn ich sie im Restaurant oder in der Bahn beobachte. Von Denen ist Keiner bei der Sache. Die sind mit ihren Augen nur auf diesem Gerät. Egal, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Krank. Das ist in meinen Augen eine Krankheit. Und ausgerechnet der Krankheit, fröne ich beim Kaffee.

Ich bin mehrmals angerufen worden. Die Nummer hatte ich mir hinterlegt. Wegen einer Bewerbung. Ausgerechnet jetzt. Jetzt soll ich springen. Die Herrschaften möchten meine Arbeit. In meiner Freizeit. Nach einer Absage. Ich rufe also zurück. Auf meine Kosten. So, nach der Methode: Du willst Arbeit, also zahle den Anruf und komme, wenn ich will.

„Karl. Sie haben mich angerufen?“

„Ich nicht.“

„Ja. Aber ich habe ihre Nummer drei mal bei mir auf dem Handy stehen.“

„Ich weiß nicht, wer sie angerufen hat.“

„Mit wem spreche ich?“

„Mit der Rezeption.“

„Sagen Sie bitte dem Anrufer, der Angerufene hat zurück gerufen. Sie sollen mir bitte auf den Anrufbeantworter sprechen, was sie wollen.“

Mein Gott. Wir leben im Technikzeitalter. Man kann heute eine Nachricht hinterlassen. Warum ruft mich Jemand drei Mal an, um nicht angerufen zu haben? Irre? Was ist das für eine Krankheit? Es kostet nichts.

„Ich bin Soundso. Ich rufe an wegen ihrer Bewerbung. Rufen sie bitte zu der Zeit zurück.“

Und diese Leute führen Geschäfte? Ich muss lachen. Konrad kann meine Gestik kaum verstehen. Ich erkläre ihm das. Er schüttelt mit dem Kopf.

„Mit solchen Beschäftigungen haben wir in unserer Freizeit zu tun.“

„Ruf doch einfach nicht zurück.“

„Ja. Aber ich muss auch Etwas arbeiten.“

„Wieso? Hast du dich bei der Nummer beworben?“

„Eben ja. Vor ein paar Wochen. Ich bin damals abgelehnt worden.“

„Ja. Suchen die jetzt oder nicht?“

„Ich weiß es nicht. Die Rezeptionistin tut, als wüsste sie von Nichts.“

„Und hier arbeitest du?“

„Naja. Das ist immer noch besser als den Besatzern zu dienen, die uns nachhaltig beklaut haben.“

„Da hast du vielleicht sogar Recht.“

„Ich hatte mich zu Hause schon auch beworben. Zweihundert Kilometer Arbeitsweg war das Maximum. Nichts.“

„Was?“

„An einer Raststätte fragte mich ein junger Manager, ob ich cook and chill beherrsche.“

„Na und?“

„Ich habe ihn zurück gefragt, was er meint und ob er mir das auf Deutsch, Russisch oder Französisch übersetzen kann.“

„Und?“

„Er fragte mich, ob ich Französisch kann? Ich sagte, das ist unsere Fachsprache, in der wir ausgebildet wurden.“

„Ja. Aber kennen Sie cook and chill?“

„Ich kann es höchstens übersetzen mit Kochen und Erwärmen.“

„Ja. Da treffen sie den Punkt.“

„Wir sind in der Gemeinschaftsverpflegung ausgebildet worden, wenn sie meine Bewerbungsunterlagen sehen.“

„Dann könne sie mit großen Massen an Kunden umgehen?“

„Aber sicher. Das war der Zweck meiner Ausbildung.“

„Aber hier sind das größtenteils a la carte – Kunden.“

„Das spielt keine Rolle. Ich bin dafür ausgebildet worden. Wir haben das im Menütherm – Verfahren bearbeitet.“

„Was ist das?“

„Ich schätze mal, cook and chill.“

„Das ist mir zu hoch.“

„Und mir zu weit weg. Haben sie für mich eine Übernachtungsmöglichkeit?“

„Ja schon. Wir haben ein paar Personalzimmer. Das kostet sie pro Monat einen Tausender mit Beköstigung.“

„Also noch Mal ganz gemütlich. Ich gehe bei ihnen arbeiten und bezahle meine Arbeit?“

„Ja. Die Übernachtung und Beköstigung.“

„Also. Ich bin Koch und muss meine Speisen abschmecken. Glauben sie wirklich, ich bezahle ihnen das?“

„Sie essen ja auch Personalessen.“

„Glauben sie wirklich, ein Küchenchef, der alle Speisen des Tagesangebotes zu probieren hat, isst Personalessen?“

„Der Gesetzgeber verlangt das so.“

„Das stimmt so nicht. Der Arbeitsplatz befindet sich weit außerhalb der bewohnten Gebiete. Sie zahlen entweder Kilometergeld oder bieten mir eine Übernachtung.“

„Das Kilometergeld zahlen wir nicht. Das bekommen sie vom Staat.“

„Ach so. Sie werden subventioniert?“

„Nein. Das ist Gesetz bei uns.“

„Der Mann ist Wirtschaftsleiter in dem Betrieb, in dem ich mich beworben habe. Mein Vorgesetzter.“

„Das ist normal bei uns“, sagt Konrad zu mir.

„Dann weißt du wenigstens, warum ich gegangen bin. Ich kann in Nervenanstalten nicht arbeiten. Ich erwarte, mein Chef versteht von Wirtschaft etwas mehr als ich.“

„Wohin fahren wir jetzt?“

„Eggental, Bozen und nach Hause. Es sei denn, du willst gerne eine andere Route fahren.“

Fortsetzung Sommersaison

Offensichtlich reicht es schon, wenn sie an ihrem Dialekt erkannt werden. Dabei ist Sächsisch eine Deutsche Ursprache. Die anderen Dialekte sind alle importiert.

Konrad ist noch nicht dabei. Ich gehe zu Cherno. Cherno ist der Chef der Bar. Federica ist eher im Büro zu finden. Das Büro ist auch gleich die Rezeption.

„Wo ist Konrad?“

„Sicher noch oben.“

Ruf den bitte mal an. Wir wollten uns acht Uhr treffen.“

„Das wird schwer.“

„Wieso? Haben die getrunken?“

„Natürlich.“

„Bei dir?“

„Bei mir? In der Garage.“

„Ach. Die trinken nicht bei dir ?“

„Nie.“

„Aber essen tun sie bei dir.“

„Für Zwei.“

Konrad kommt. Er drückt mich. Unsere Beziehung ist relativ herzlich. Obwohl wir uns nur zwei Mal im Jahr sehen. Wir fahren keinen Rennen. Für uns zählt die schöne Landschaft und die Luft. Wir fahren spazieren. Wegen unseres Alters, sind die anspruchsvollen Touren eher selten. Auf dem Stilfser Joch ist Konrad hingefallen. Das ist wirklich keine Tour für Senioren. Dazu kommt, Konrad ist relativ klein. Er kommt gerade so auf das Motorrad. Eigentlich wäre für Konrad ein Chopper oder ein Scooter die richtige Wahl. Mit so einem Motorrad scheint er sich zu schämen.

Es geht los. Ich muss das Motorrad festhalten, damit Konrad aufsteigen kann. Frei nach dem Sprichwort: Ich bin über Sechzig. Bitte helfen sie mir auf das Motorrad. Cherno verabschiedet uns.

Unser erster Stopp ist eine Tankstelle. Ich zeige Konrad die preiswertesten auf unserer Tour. Allgemein fahre ich die Touren mehrmals pro Monat. Ich habe bestimmte Lieblingstouren, die ich sehr oft fahre. Dadurch weiß ich, wo sich die lästigen Baustellen befinden. Wegen der Privatisierung der örtlichen Dienste, gibt es heute drei Mal mehr Baustellen als früher. Gerade im Sommer, wuchern die Baustellen wie Unkraut. Meist wegen irgendwelchen Kleinarbeiten.

Unser erster Haltepunkt ist in Sanzeno. Dort gibt eine Tankstelle, die wirklich preiswert ist. In Selbstbedienung. Konrad staunt. Er hat bisher fast zehn Cent mehr bezahlt. Die Prozedur mit dem Aufsteigen wieder holt sich. Selbst beim Absteigen muss ich Hilfe leisten. Ich denke gerade an die Plätze, an denen ich normal einen Kaffee trinke. Unsere Italienischen Landsleute lachen sich kaputt, wenn sie das sehen. Konrad ist das egal.

Nach dem Kaffee ist unser nächsten Ziel – Andalo. Im Juni beginnt dort die Sommersaison. Andalo gehört zu den gut besuchten Städten. Leider ist deren Saison zu kurz.

Fortsetzung Der Saisonkoch – Sommersaison

„Willst du morgen mit zu Konrad nach Fondo fahren?“

„Für was?“

„Wir machen eine Ausfahrt zusammen.“

„Wenn das Wetter passt, schon.“

„Wir müssen sieben Uhr aufstehen.“

„Ist gut. Gehen wir schlafen.“

Joana legt schon die Sachen bereit. Ihre Lederkombi, die Stiefel und unsere Getränke.

Am Morgen weckt uns wie immer das Telefon. Unser Telefonmodem können wir auch als Wecker nutzen. Das ist wenigstens laut genug und verfügt über eine gewisse Ausdauer. Der größte Vorteil ist, wir müssen zum Abstellen des Weckers, aufstehen. Früher gab es ziemlich oft Situationen, bei denen wir den Wecker auf dem Nachtisch aus stellten und weiter schliefen. Das geht jetzt nicht mehr. Seit der neuen Weckeinrichtung verschläft in unserem Haushalt, Keiner mehr.

In unserem Bad droht ein leichtes Gedränge. Wir sind es einfach nicht gewohnt, zusammen aufzustehen. Joana erklärt sich bereit, mir das Bad zuerst zur Verfügung zu stellen. Inzwischen setzt sie den Kaffee an. Reichlich. Wir nehmen eine Thermoskanne voll mit. Einem Arbeiterhaushalt ist der Besuch von Gaststätten kaum möglich. Das ist uns zu teuer. Wir trinken zwar unterwegs Kaffee. Aber oft von Automaten oder an Stellen, die bezahlbare Preise verlangen. Ich kenne sämtliche Betriebe auf dem Weg unserer Giros. Sofern der Betreiber der gleiche ist, ändert sich auch selten etwas am Preis.

Wir fahren los. Alles ist bereit. Der Tank ist soweit gefüllt, bis wir an der nächsten Tankstelle mit einem annehmbaren Preis abkommen. Die kenne ich auch landesweit. Die Tankstellen sind bei mir Etappenziele, die ich selbst mit halb leerem Tank anfahre, um nach zu tanken. Zum Glück schickt mich die Arbeit und die Suche danach, durch das gesamte Land. Da wir die Arbeitswege aus eigener Tasche zahlen, sind wir auf freundliche Tankwarte angewiesen, die es mit ihrem Gewinn nicht übertreiben müssen. Die Not wird, so zu sagen, von Oben nach Unten durch gereicht. Auf diese Weise ehrt sich die Bevölkerung mit wenig Einkommen, durch mehr Umsatz. Etwas mehr Arbeit, müssen Arbeiter nicht befürchten.

Joana fährt nicht gern den Gampen hoch. Wir erleben dort zusammen oft ziemlich gefährliche Situationen. Vor allem mit Touristen, welche die Kurven schneiden. Oder in unübersichtlichen Kurven halten. Auch der Lastverkehr als Gegenverkehr ist nicht zu verachten. Zu oft sitzen hinter dem Steuer ortsunkundige Fahrer. Außerdem ist die Straße, stellenweise sehr schlecht gepflegt und übersät mit Schlaglöchern. Dummerweise sind die Schlaglöcher genau an den Stellen, die ein Zweiradfahrer zur korrekten Passage der Kurven benötigt. Joana kennt die Stellen auch. Ich spüre immer einen etwas festeren Griff, wenn wir diese Stellen passieren. Wobei ich das Zweirad in diesen Fällen als Vorteil sehe. Mit dem Auto müsste ich die Schlaglöcher direkt durchfahren. Das Umfahren ist an diesen Stellen nicht möglich.

Auf dem Pass oben angekommen, halten wir erst mal inne. Wir setzen den Helm ab, um etwas frische Luft zu bekommen. Im Tal ist die Luft zu dieser Zeit eher eine Belastung. Vor allem in den Tunnels, die wir passieren müssen. Im Werksverkehr stehen darin die Abgase. Für Zweiradfahrer ist das, das Auschwitz des Arbeitsweges.

Vor uns liegt der Blick in Richtung Brenta. Wir können sehen, wie dort das Wetter ist. Es scheint gut zu werden. Über den hohen Bergen sammeln sich immer die Wolken. Mit der Erwärmung der Täler, steigen die auf. Hinzu kommt, die ersten Sonnenstrahlen treffen natürlich zuerst die Gipfel der Berge. Dabei entsteht eine Zirkulation. Wind. Wird der Wind kräftig genug, treibt es die Wolken weg. Bleibt er zu schwach, bekommen wir Regen. Die Wolken bündeln sich.

Kaum kommen wir an der Katzenburg an, hören wir reges Treiben in den Garagen auf der Rückseite des Hotels. Die Motorradgruppen rüsten sich zur Abfahrt. Die Gruppen scheinen in mehrere Lager zu zerfallen. Die Fahrer der Bayrischen Zweiräder bilden eine Gruppe. Sie scheinen anders zu sein. Die Fahrer der sonstigen Modelle geben ihren Ketten noch etwas Fett und kontrollieren die Bremsen. Einige sportliche Fahrer sind dabei. Junge Leute. Die setzen sich bei Zeiten auch ab und fahren los. Motoristi aus Italien, Österreich, der Schweiz und aus Deutschland sind dabei. Sogar aus der DDR. Die bilden auch eine eigene Gruppe. Mit ihnen spricht kaum einer der anderen Gruppen.